Die Marktöffnung vor der Tür

Die Barrieren für den Strommarkt öffnen sich – langsam.
Strom soll künftig frei zirkulieren können.
Zitat aus «Die Ziele des Bundesrats im Jahr 1999». Mit der Liberalisierung des Strommarkts sollte es dann noch eine ganze Weile dauern. Von 1995 bis 2010 war der Sozialdemokrat Moritz Leuenberger Energieminister.

 

Im Mai 1996 wurde im Verwaltungsrat der SAK eine Arbeit vorgestellt, welche der technische Leiter Alfred Bürkler zum Abschluss seiner Management-Weiterbildung an der Universität Zürich zum Thema «Unternehmensstrategie in einem offenen Elektrizitätsmarkt» verfasst hatte. Ziel der Arbeit war es, eine mögliche Strategie für die SAK oder ein ähnlich strukturiertes Elektrizitätswerk, unter der Voraussetzung eines völlig liberalisierten Marktes, zu formulieren. In der Arbeit sei bewusst keine Aussage darüber gemacht worden, ob oder in welchem Zeitraum Änderungen in Richtung Liberalisierung eintreten würden. «Es ist die Absicht, dass diese Arbeit der Geschäftsleitung und dem oberen Kader der SAK als Anregung und Grundlage für die weitere intensive Auseinandersetzung mit der Zukunft der SAK dient», liess die Direktion den Verwaltungsrat wissen.

Anschliessend markierte die Direktion ihre Position: Die Liberalisierung sei wohl in Diskussion, aber Schritte seien in der Schweiz noch keine eingeleitet. Für die SAK sei eine Realisierung der Liberalisierung nur unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen vorstellbar. «Sie wendet sich deshalb gegen eine einseitig die SAK benachteiligende Freigabe des Zugangs zum Netz sowie die Aufhebung der geschlossenen Versorgungsgebiete», heisst es im Protokoll. Trotzdem sei auch unter den jetzigen Rahmenbedingungen der Wertewandel hin zum kunden- und marktorientierten Energiedienstleistungsunternehmen zu fördern, und er müsse im täglichen Kontakt mit Kunden, Lieferanten, Behörden und Organisationen spürbar werden.

Ein Jahr später warnte man im Verwaltungsrat, anlässlich der Erörterung von Forderungen des Elektrizitätswerks Jona-Rapperswil (EWJR), vor den Nachteilen einer zunehmenden «Entsolidarisierung», wenn die Gleichbehandlung aller Kunden im Versorgungsgebiet aufgegeben werde:  «Wenn wirtschaftsstarke Agglomerationsregionen nicht mehr bereit sind, strukturschwächere Gebiete durch Erbringen gemeinwirtschaftlicher Leistungen zu stützen, wird die bisher hochgehaltene Tarifsolidarität bald am Ende sein.» Die unweigerliche Folge sei eine örtlich differenzierte «Spreizung» der Strompreise: Ertragsausfälle wegen Tarifkonzessionen an marktstarke und rentable Kunden müssten über zusätzliche Belastungen der schwächeren Regionen ausgeglichen sein. Das werde «schwerwiegende Konsequenzen» haben.

 

Die EU geht voran

Andernorts war der Zug in Richtung Liberalisierung bereits am Rollen. Vorreiter waren Grossbritannien, Norwegen und die Niederlande, aber auch Deutschland war der EU voraus. 1997 beschloss die EU die schrittweise Öffnung, wobei den Mitgliedländern eine Übergangsfrist von zwei Jahren zugestanden wurde. 2002 einigten sich die EU-Energieminister auf die vollständige Öffnung der Energiemärkte, wobei diese wiederum schrittweise erfolgen sollte. Die Stromkonzerne sollten in Netz- und Produktionsgesellschaften aufgespalten werden. In der Schweiz veröffentlichte der Bundesrat 1998 den Entwurf zum Elektrizitätsmarktgesetz (EMG), und 1999 war die Strommarktöffnung auch in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat der SAK das dominierende Thema. Innerhalb der Geschäftsleitung gab es dabei, wie man aus den Editorials in der SAK Hus Zitig schliessen kann, durchaus unterschiedliche Meinungen.

Ein Marktöffnungsskeptiker war Direktor Theo Wipf, der seine Bedenken bereits in der SAK Hus Zitig 4/94 formuliert hatte: «In Ländern, wo die Liberalisierung der Strommärkte bereits vollzogen ist, stehen die Elektrizitätswerke im Zwang, ihre unternehmerischen Dispositionen nach kurzfristigen Rentabilitätskriterien vorzunehmen. Ein solches Denken lässt sich indessen mit den anerkannten Zielen einer sicheren, umweltgerechten und volkswirtschaftlich optimalen Energieversorgung nur schwer vereinbaren. Wie unsere Gründer schon vor 80 Jahren erkannt haben, können die SAK als ein Werk der öffentlichen Hand diesen Zielen am ehesten gerecht werden.»

 

Nicht so heiss gegessen

Der Schweizer Energiemarkt sollte sechs Jahre nach dem Inkrafttreten des EMG für alle Stromkonsumenten liberalisiert sein. Doch die Sache wurde vorerst nicht so heiss gegessen. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger lehnten das Gesetz, das die Rahmenbedingungen für die Strommarktöffnung festlegen wollte und gegen welches von Gewerkschaften und Grünen das Referendum ergriffen worden war, im September 2002 mit  47,4% Ja- gegen  52,6 % Nein-Stimmen ab. Doch der Prozess war im Gange und die Landschaft der Energieunternehmen war bereits kräftig in Bewegung geraten.

Zahlen & Fakten

Vorsitzender d. Geschäftsleitung Theo Wipf
Geschäftsleitung Adolf Loser, Rolf Domenig, Heinz Reichen, Ueli Risch, Robert Zingg
Verwaltungsrats Präsident Hans Ulrich Stöckling
Verwaltungsrat Hans Höhener, Jakob Brunnschweiler, Hermann Fässler, Titus Giger, Hans-Peter Härtsch, Beat Jud, Dr. Walter Kägi, Marianne Kleiner, Dr. Arthur Loepfe, Hans Rohrer

Anzahl Mitarbeitende
263

Fläche Versorgungsgebiet
2’325 km2

Einwohner
400’000

Energie
2’632 Mio. kWh

Produktion
7 Kraftwerke

Netz
39 Unterwerke
919 Trafostationen
ca. 4’000 km Stromnetz